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  #1  
Alt 11.04.2016, 13:09
Udo Beier Udo Beier ist offline
Administrator
 
Registriert seit: 23.01.2007
Beiträge: 1.370
Ausrufezeichen Seenotfall-Prophylaxe

Ahoi!

Auf der Homepage von „silentSports“ hat Darren Bush (D.B.) den folgenden Beitrag zur Diskussion gestellt:
„Get over the „Not Me, Not Today“ Syndrome.
No one is immortal on the water“
=> http://www.silentsports.net/?p=23922 (05/02/16)
Der Kommentar setzt sich mit dem Seenotfall auf dem ca. 150 km langen Lago General Carrera (Chile) auseinander, der sich am 8.12.15 ereignet hatte, bei dem Doug Tompkins (72) (der Gründer von NORTH FACE) nach einer Kenterung an Unterkühlung starb. Bei der Tour handelte es sich um eine Gruppenfahrt mit 6 Teilnehmern. Der Verunglückte paddelte zusammen mit Rick Ridgeway (66) in einem Zweier:

=> http://forum.kanu.de/showthread.php?t=17580 >Post #9 und #10).

Ursächlich für den tragischen Ausgang dieses Seenotfalls waren m.E.:
  • Fehleinschätzung der Wetterlage (=> Starker Wind mit Kap-/Düseneffekten (max. 9 Bft. Böen)),
  • Unterschätzung der Gewässerschwierigkeiten (=> statt Notlandung durch die Brandung (bei bis zu 2,70 m hoher Seegang) wird versucht, den Wind- & Wellenschutz hinter einer Landzunge zu erreichen),
  • Verlass auf die Intaktheit fremder Ausrüstung (=> es wurde sicherlich mit geliehenen/gemieteten Zweier-Seekajaks gepaddelt, die nicht so ausgestattet sind, dass sie den Kanuten optimalen Sitzhalt bieten, um bei kritischem Seegang das Kajak zu beherrschen!?),
  • Mangelhafte Bootsausrüstung (=> die Steueranlage eines Zweiers hielt die Beanspruchung durch den Seegang nicht aus und funktionierte nicht mehr),
  • Mangelhafter Gruppenzusammenhalt (=> jeder der 4 weiteren Kanuten, die zur Gruppe gehörten, kämpfte zunächst für sich und sah bloß zu, dass er sicher das Land erreicht, erst danach begaben sie sich auf die Suche nach den zurückgebliebenen Kameraden),
  • Mangelhafter Kaltwasserschutz (=> es wurde bei 3°-4° C Wassertemperatur weder Neo noch ein Trockenanzug getragen),
  • Mangelhaftes „Kenterverhalten“ (=> statt beim Zweier zu bleiben und dort passiv auf Hilfe zu warten, versuchte er aktiv ans nahe Land zu schwimmen und trug damit dazu bei, schneller auszukühlen als sein „Kenterbruder“, der schließlich beim Zweier blieb),
  • Fehlende Schwimmweste (?!) (=> Schwimmwesten sorgen für den nötigen Auftrieb, der den Wiedereinstieg in einen höher aufschwimmenden Zweier erleichtern könnte).
D.B.’s Kommentar zu diesem Seenotfall liegen drei „Gesichtspunkte“ zugrunde:

1. Kanuten verhalten sich vorsätzlich fahrlässig:

D.B. urteilt, dass die Gruppe um Doug Tompkins Fehler gemacht hat. Aber trotz allem möchte er die sechs zur Gruppe gehörenden Kanuten, die allesamt als erfahrene Paddler angesehen werden können, nicht verurteilen; denn sie haben wie die meisten erfahrenen Kanuten gehandelt: Sie sind sich der Gefahren bewusst, aber ignorieren sie trotzdem, weil sie meinen, dass es sie schon nicht treffen wird (=> „Not me!“), zumindest nicht gerade heute (=> „Not today!“) und – das möchte ich hier ergänzen – wenn doch etwas passieren sollte, dass das dann doch nicht so schlimm enden wird (=> „Not so bad!“). Daraus soll wohl gefolgert werden, dass wir Kanuten sehr wohl all die Gefahren kennen, aber uns die Motivation fehlt, diesen Gefahren aus dem Weg zu „paddeln“. Nun, ich bezweifele es, ob wir wirklich in ihrem ganzen Ausmaß all die Gefahren kennen, die uns bei einer Tour in Schwierigkeiten bringen könnten.

Natürlich wissen wir, dass z.B. vom Wetter Gefahren ausgehen können, aber es mangelt uns meist an der Vorstellungskraft, mit welcher Schnelligkeit & Heftigkeit etwa eine Windverstärkung eintreten kann und welchen Einfluss das auf die Gewässerschwierigkeiten haben kann, je nachdem ob z.B. mit Untiefen, Schiffsverkehr, Strom-gegen-Wind-Bedingungen, Kap- bzw. Düseneffekten, Fallwinden, Kreuzseen zu rechnen sind

Selbstverständlich ahnen wir auch, dass z.B. ein Leihkajak nicht so funktioniert wie ein eigenes Kajak, mit dem wir schon länger paddeln, aber uns fehlt auch hier die Vorstellungskraft, was alles an einem Leihkajak nicht in Ordnung sein kann (z.B. betrifft das nicht nur das Steuer (=> Blatt/Steuerkopf/Seile/Pedalen), sondern auch die Sitzschale (=> verrutscht oder bricht durch), den Rückengurt (=> lockert sich bei Belastung), den Sitzhalt (=> Hüft-/Schenkel-/Fußhalt), die Spritzdecke (=> öffnet sich bei Belastung bzw. lässt sich nach einer Kenterung nicht mehr schließen), die Rettungshalteleinen (=> zu dünn & labbrig bzw. gar nicht vorhanden), die Toggles (=> nur zum Tragen an Land geeignet, aber nicht im Wasser zum Festhalten), die Gepäckluken (=> nicht wasserdicht, sodass der Gepäckraum voll Wasser läuft); usw. usf.) und somit seine Seegangs- bzw. Kentertüchtigkeit beeinflusst.

Eine Seenotfallprophylaxe, setzt folglich immer auch noch eine Gefahrenaufklärung voraus. Natürlich ist die Unerfahrenheit ebenso wenig der einzige Grund, warum Seenotfälle sich ereignen, wie es auch nicht nur an dieser „Not me, not today, not so bad-Einstellung“ liegt, wenn wir unterwegs auf Tour in Schwierigkeiten geraten. Weitere Gründe können sein:
  • Selbstüberschätzung,
  • Zweckoptimismus,
  • Gefahrenverdrängung,
  • mangelhafte Vorbereitung,
  • Bequemlichkeit,
  • Zeitdruck,
  • Gruppendynamik,
  • wenig ausgeprägtes Angstgefühl,
  • fehlendes Verantwortungsbewusstsein,
  • unabwendbares Ereignis.
D.B. hebt hervor, welchen Beitrag das „Verantwortungsbewusstsein“ zur Vermeidung von Seetnofällen leisten kann. Im Folgenden soll darauf eingegangen werden.

2. Kanuten mangelt es am nötigen Verantwortungsbewusstsein:

Die Seenotfallprophylaxe sollte auch bewusst machen, welche Folgen es haben kann, wenn wir eine Gefahr ignorieren, und zwar für:
  • uns selber;
  • die, die uns bei der Tour begleiten;
  • unsere Verwandten (Kinder, Partner, Eltern sowie Freunde), die wir zurücklassen;
  • unsere Retter, die sich den Gefahren aussetzen, um unser Leben zu retten;
  • das Image unseres Kanusports, wenn über Unfälle berichtet wird.
Wenn wir also wollen, dass der Kanusport sicherer wird, dann genügt es nicht, die möglichen Gefahren aufzuzeigen und die möglichen Schäden deutlichen zu machen (=> Person-/Sachschaden), vielmehr sollte auch über die Folgeschäden aufgeklärt werden. Aus letzterem leitet D.B. eine zusätzliche Motivation ab, sich verantwortungs- und somit auch gefahrenbewusster zu verhalten.

Ob nun mit dem Appell doch bitte an die „Lieben daheim“ zu denken, die auf einen warten, der Seenotfall auf dem Lago General Carrera zu verhindern gewesen wäre, möchte ich jedoch bezweifeln; denn diese Sechser-Gruppe war sich einfach nicht der möglichen Gefahren zum Zeitpunkt ihrer Tour auf diesem – wenn auch riesigen – Binnensee, auf dem immer entlang des sicheren Ufers gepaddelt werden kann, bewusst … und nachher sind wir immer klüger!? Die Gruppe ist ja nicht vorsätzlich bei 9 Bft. Wind gestartet, und als sie schließlich vom Sturm überrascht wurden, haben sie halt gedacht, hinter der Landzunge Schutz vor Wind & Welle zu finden.

3. Kanuten sollten vor einer Tour ihre persönlichen Grenzen der Befahrbarkeit festsetzen:

Solche prophylaktischen Grenzziehungen haben den Vorteil, dass wir vorher, spätestens vor einer Tour, also wenn wir uns noch nicht im Zugzwang befinden, in Ruhe entscheiden können, wo unsere Grenzen liegen. D.B. geht mit gutem Beispiel voran und schlägt vor:
  • nicht mehr ohne Kälteschutz zu paddeln, wenn die Wassertemperaturen unter X° liegen.
Sein persönliches X° setzt er dabei mit 60° Fahrenheit (= ca. 15° C) an! Weitere solcher Grenzziehungen sind vorstellbar. Ich habe mir bei meinen Küstentouren z.B. die folgenden für mich verbindlichen Grenzen vorgeben:
  • Gruppengröße: minimal 2 Personen/Kajaks und maximal 2 Gruppen à 5 Personen;
  • Windstärke: max. 6 Bft. Prognose;
  • Windstärke bei Touren mit weniger erfahrenen Kanuten: max. 5 Bft. Prognose;
  • anspruchsvolle Touren: nur mit Kanuten, die über eigene Seekajaks verfügen;
  • Brandungstouren: nur bis max. 3-4 Bft. auflandigem Wind;
  • Küstentouren auf Tidengewässer: nur mit Teilnehmern, die Brandungserfahrungen haben und die Rettungsmethoden kennen & können;
  • Nachtfahrten: nur außerhalb befahrener Fahrwasser, nicht in die Nacht hinein und Start frühestens 1:30 h vor Sonnenaufgang;
  • Schwimmweste: Pflicht bei Küstentouren;
  • Schutzhelm: Pflicht bei Brandungsübungen;
  • Kajak bei Küstentouren: Seekajak, mindestens doppelt abgeschottet; mit Rettungshalteleinen, Lenzpumpe, Bug-Toggle;
  • Ausrüstung bei Küstentouren als Fahrtenleiter: Kompass & Karte; Schleppleine; mind. Nico-Signal, Handy, 2 Fallschirmsignalraketen, je 1 Rausignal und 1 Fackel, UKW-Handsprechfunkgerät, Seenotbake;
  • Wetter: kein Start bei Nebel bzw. Gewitter;
  • Wetterprognose: unmittelbar vor den Start bzw. bei jedem Landgang abrufen.
Ja, jetzt müssen wir nur noch dazu motiviert werden, uns solche Grenzen zu setzen. Einem erfahrenen, also gefahren- und verantwortungsbewussten Kanuten dürfte das nicht schwer fallen. Alle anderen begebenen sich hoffentlich zu Beginn ihrer „Küstenkanuwanderkarriere“ in die Obhut eines Fahrtenleiters, der so erfahren ist, dass er allein schon aus haftungsrechtlichen Gründen mit solchen Grenzziehungen arbeitet.

Gruß aus Hamburg:
__________________
Udo Beier

Geändert von Udo Beier (12.04.2016 um 11:05 Uhr)
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  #2  
Alt 17.04.2016, 23:05
Udo Beier Udo Beier ist offline
Administrator
 
Registriert seit: 23.01.2007
Beiträge: 1.370
Daumen hoch Unfallverhütung beim Küstenkanuwandern: 3x3 Risikoanalyse

Ahoi!

Im SEEKAJAK, Nr. 145/15, S.10-14, setzt sich Jan Gürke in dem Beitrag:
„Seekajak 3x3 Risikomanagement“
mit dem Problem auseinander, wie wir Seenotfälle vermeiden können. Er greift dabei auf ein Analysemodell, nämlich auf das „3x3 System zur Evaluierung des Unfallrisikos“ zurück, welches Werner Munter 1997 in dem Buch:

„3x3 Lawinen. Entscheiden in kritischen Situationen“

zur Analyse des Lawinenrisko bei Skitouren entwickelt hat.

Jan Gürke schreibt dazu: „… in der Seekajak-Literatur ist kein passendes Risikomanagement-System zu finden. Ich habe daher ein bewährtes System aus dem Skitourensport für das Seekajakfahren adaptiert. Ziel sind strukturierte, situationsangepasste Entscheidungen, die helfen, kritische Situationen zu antizipieren: Das 3x3 System stellt ein einfaches, benutzerfreundliches Ablaufschema für Entscheidungsträger dar.“

Im Mittelpunkt des „3x3 Risikomanagementsystems“ stehen die folgenden drei Entscheidungsstufen:
  1. Risikoanalyse zu Hause (=> Tourenplanung)
  2. Risikoanalyse am Startort (=> Abgleich mit der Tourenplanung)
  3. Risikoanalyse unterwegs (=> Prüfen der realen Verhältnisse)
in denen jeweils die Risiken untersucht werden, die auf die folgenden drei zentralen Risikofaktoren zurückzuführen sind:
  1. Risiko Umgebungsverhältnisse (z.B. Wind, Strömung)
  2. Risiko Gewässerbedingungen (z.B. Seegang)
  3. Risiko Mensch (z.B. Können, Handeln, Ausrüstung).
Daraus ergeben sich insgesamt 9 Problemfelder, die allesamt Ursache für einen Unfall bei einer Küstenstour sein können.

So weit so gut!? Aber Jan Gürke bringt für den Kanusport im Allgemeinen und das Küstenkanuwandern im Besondern nichts Neues. Schon Oli Grau hat im KANU-MAGAZIN, Nr.1 v. 2004, S. 46-47, in dem Beitrag:

„Die 3x3 Methode zur Unfallverhütung beim Paddeln“

dieses „3x3 System“ als Methode zur “Reduzierung von Fehlentscheidungen“ vorgestellt und den Wildwasserfahrern zur Anwendung empfohlen. Da ich dies als interessanten Ansatz zur „sicheren Tourenplanung“ ansah, der „gleichermaßen hilfreich für den Ausbilder als auch den einzelnen Kanuten ist“, hatte ich mich als DKV-Referent für Küstenkanuwandern sofort daran gemacht, diese System auf das Paddeln entlang der Küste zu übertragen. Siehe hierzu meinen Ende 2003 veröffentlichten Beitrag:

„3x3 Risikoprophylaxe beim Küstenkanuwandern“
=> www.kuestenkanuwandern.de/ausbild/031115_a.html

Darauf hätte Jan Gürke ruhig eingehen können, bevor er nach 13 Jahren das „3x3 Risikomanagement“ wiederentdeckt.

Ansonsten ist nichts Kritisches über seinen Beitrag im SEEKAJAK, dem Magazin der Salzwasserunion, einzuwenden. Er zeigt sehr konkret die Entscheidungsprozesse zur Minimierung des Risikos auf und macht zurecht deutlich, „dass ein Entscheidungsträger nicht jede Situation vorhersehen kann und dass immer ein Restrisiko bestehen wird, welches die Gruppenmitglieder und die Gesellschaft akzeptieren und die Richter in ihrer Rechtsprechung berücksichtigen müssen.“ Und weiter: „… die Abnahme des Risikos (darf) nicht zu sehr auf Kosten des Erlebnisses gehen, sonst würde niemand mehr (an einer) geführten Tour (teilnehmen).“

Selbst das Schlusswort zu seinem Beitrag ist zutreffend: „Du kannst nur an Erfahrung gewinnen und beim Tourenplanen und Risikomanagement besser werden, wenn du kritisch hinterfragst, wie deine Tour gelaufen ist und warum. Pass auf: eine erfolgreiche Tour heißt noch nicht, dass du alles richtig gemacht hast – vielleicht hattest Du einfach viel Glück.“

Gruß aus Hamburg:
__________________
Udo Beier
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